Friedrich: „Nachhaltigkeit kann man in Zahlen manchmal gar nicht ausdrücken“

Friedrich: „Nachhaltigkeit kann man in Zahlen manchmal gar nicht ausdrücken“

von 07 Januar, 2019 0

Umweltschutz ist ein Thema, das Produktionsfirmen immer häufiger betrifft. Wie kann während der Produktion Energie gespart werden? Welche umweltschonenden Rohstoffe gibt es? Und können diese für das Endprodukt verwendet werden?

Eine nachhaltige Produktion ist mit einer grundlegend anderen Herangehensweise und höheren Kosten verbunden. Dennoch lohnt es sich für Unternehmen wie dem Systemdienstleister für Electronic Manufacturing Services (EMS) Leesys GmbH, der die TeleAlarm-Produkte in Leipzig produziert.

Jörg Friedrich, COO von Leesys, erklärt im Interview, warum es sich für Leesys lohnt, nachhaltig zu produzieren. Außerdem verrät der Geschäftsführer, wie ein neues TeleAlarm-Produkt entwickelt wird und wo er Leesys in fünf Jahren sieht.

Zu Beginn ganz allgemein gefragt: Wofür steht Leesys?

Naturschutzbund
v.l.: Dr. A. Karden, J. van Helvoort, P. Steuer (NABU), M. Hendricks und J. Friedrich (Leesys)

Friedrich: Leesys steht für zuverlässig, leistungsstark und überzeugend. Das ist unser Slogan, der bei einem Rebranding entstanden ist und den wir so auch vermarkten. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die Meinung der Mitarbeiter. Dieser Slogan ist auch auf Plakaten in den Hallen zu sehen.

Leesys produziert und entwickelt seit 2015 TeleAlarm-Produkte. Wie ist der Entwicklungsprozess für solche Produkte?

Friedrich: Die Entwicklung läuft zunächst in der Schweiz bei der TeleAlarm. Bei uns ist Dr. Pastillé zwar damit beauftragt, ein Blick auf den Prozess zu werfen, doch die eigentliche Arbeit geschieht in der Schweiz.

Natürlich gibt es auch bei uns Entwicklungsrichtlinien und eine Produktstrategie. Diese wurde gemeinsam vom Vertrieb und der Entwicklung konzipiert. Denn der Vertrieb weiß am besten, was unsere Kunden wollen, und die Entwicklungsabteilung, wie die entsprechenden Produkte umgesetzt werden können.

Ab wann steigt Leesys in den Entwicklungsprozess ein?

NurseCall Day - Besichtigung bei Leesys
Einblick in die Herstellung der TeleAlarm-Produkte in den Fertigungshallen der Leesys – Leipzig Electronic Systems GmbH

Friedrich: Leesys steigt natürlich schon in der Konzeptphase ein, um die Anforderungen aus Richtung Fertigungsprozess frühzeitig einzubringen. Da gibt es beispielsweise Konstruktionsrichtlinien, in der wir die Anforderungen an die Entwicklung weitergeben. So dass neue Produkte auch fertigungsgerecht konstruiert werden. Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt ist dann die Produktion der ersten Musterbauten. Diese werden bereits hier bei der Leesys gefertigt. So können wir schon in der Musterbauphase ein Feedback geben, was aus Produktionssicht in der Entwicklungsphase eventuell noch geändert werden müsste.

Wie lange dauert es ungefähr bis so ein Produkt fertig ist?

Friedrich: Das kommt auf die Art an: Gibt es eine ganze neue Plattform? Oder ist es nur eine Änderung? Es dauert so zwischen einem halben und zwei Jahren. Letzteres dann, wenn man eine ganz neue Generation entwickelt.

Worauf legen Sie Wert, wenn neue Produkte konzipiert werden oder wenn Sie Änderungen an Produkten vornehmen?

Friedrich: Unsere Kunden sind ja ein spezielles Klientel: ältere Menschen. Daher müssen unsere Produkte vor allen Dingen bedienerfreundlich sein. Das heißt also: kundenfreundlich und altersgerecht. In der Weiterentwicklung ist das Design nicht der Fokus – obwohl wir auch schon einen Design Award gewonnen haben. Es geht vor allem darum, dass wir ein Gerät haben, mit dem ältere Menschen zurechtkommen. Also beispielsweise, dass es keine ganz kleinen Knöpfe gibt und dass es leicht zu bedienen ist.

Ein wichtiger Aspekt der gemeinsamen Arbeit von TeleAlarm und Leesys ist eine nachhaltige und umweltbewusste Produktion. Leesys ist zudem nach dem Klimaschutz-Zertifikat ISO 14001 zertifiziert. Was bedeutet das in der Praxis?

Leesys produziert TeleAlarm-Produkte nachhaltig
Leesys produziert TeleAlarm-Produkte nachhaltig

Es ist ja nicht ganz neu: Die Anforderungen auch von zertifizierenden Seite werden immer höher. Dazu gehört ein Umweltmanagementsystem. Das heißt, das Unternehmen benennt Umweltziele und bringt bestimmte Umweltkennziffern in die Produktionsprozesse ein. Darunter fällt zum Beispiel, wie viel Energie im Jahr verbraucht wird. Dann wird geprüft, wie der Verbrauch zum Umsatz oder zu bestimmten Bauteile ins Verhältnis gesetzt werden kann.

Das Unternehmen muss sich also ganz anderen Herausforderungen stellen als noch vor einigen Jahren. Und man muss mit konkreten Zielen arbeiten.

Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zu einer nicht-nachhaltigen Elektronik-Herstellung?

Friedrich: Zum einem gibt es verschiedene Umweltkategorien, die bei der Zertifizierung eine Rolle spielen. Die Kategorien reichen von A bis C, wobei C natürlich die ungünstigste Variante ist. Wir haben unsere Prozesse so gestaltet, dass sie alle in A und B liegen.

Es gibt sicher auch Unternehmen, die da nicht so gut in der Richtung sind und Prozesse haben, die in der Kategorie C liegen. Diese lassen sich dann auch gar nicht zertifizieren.

Ist es schwieriger nachhaltig zu produzieren?

Friedrich: Sie müssen schon andere Voraussetzungen schaffen. Ich kann das Öl-Fass auf den Hof stellen und das Öl läuft ins Erdreich. Oder ich besorge Auffangwannen und ähnliches.

Natürlich sind die ganze Vorbereitung und Instandhaltung dieser Prozesse mit Kosten verbunden. Das ist schon etwas anderes, als wenn man es darauf ankommen lässt und spart x-tausend Euro im Jahr. Das ist ein wirtschaftlicher Vorteil, den man sicherlich kurzfristig hat, wenn man nicht umweltbewusst arbeitet.

Aber wir wollen ja alle noch lange auf diesem Planeten leben und das kann man in Zahlen manchmal gar nicht ausdrücken. Die Wanne kostet 1.000 Euro, aber welcher Schaden entsteht, wenn so ein Fass ausläuft, können Zahlen gar nicht beziffern.

Abfallvermeidung, ein niedriger Energieverbrauch und ein bewusster Umgang mit den Ressourcen sind bereits hochgesteckte Ziele. Wie steht Leesys zur Nutzung alternativer Rohstoffe (wie beispielsweise Bio-Plastik)? Ist die Verwendung biologischer Kunststoffe in der Smart-Home-Industrie überhaupt möglich?

Friedrich: Wir haben tatsächlich vor ein, zwei Jahren schon einmal Versuche mit Bio-Plastik gemacht. Auch hier ist es eine Frage, wann kann man es einsetzen und wann ist der Kunde bereit, dafür zu bezahlen.

Produktion GSM ModuleZurzeit gibt es noch sehr wenig Anbieter im Bereich Bio-Plastik. Dadurch, dass es noch nicht so etabliert ist, sind auch die Mengen, die bisher produziert werden, sehr klein. Wir haben damals auch nur Mustermaterialen geordert. Das Ganze ist alles in allem nicht sehr preiswert.

Die Frage ist am Ende, ob der Kunde – wie auch in der Kaufhalle – für Bio mehr bezahlen will. Das ist zurzeit die Krux.

Aber wir beschäftigen uns damit. Es gibt auch noch ein paar Anforderungen an den Werkstoff, wie beispielsweise Fließverhalten und Festigkeiten, die verbessert werden müssten. Über kurz oder lang ist es sicherlich einsetzbar. Es ist dann eine Frage des Preises.

Das wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein.

Sehen Sie noch weitere Möglichkeiten, die Produktion noch nachhaltiger und umweltschonender zu gestalten? Wenn ja, welche?

Friedrich: Wir investieren so etwa zwei Millionen Euro jedes Jahr in neues Equipment, um auch State-of-the-Art zu bleiben. Auch unsere Equipment-Lieferanten haben in den vergangenen Jahren Umweltschutz in Angriff genommen. Und natürlich ist es auch möglich mit neuen Maschinen, mehr Energie zu senken.

Außerdem treffen wir jetzt Investitionsentscheidungen nicht mehr nur anhand unserer technischen Anforderungen für eine Maschine, sondern auch hinsichtlich der Frage, ob man mit der Maschine auch im Hinblick auf Umweltaspekte vorankommen kann.

Dort sehe ich für uns auch in den nächsten Jahren den Fokus. Das heißt, wenn wir eine Maschine ersetzen, dann muss die neue Maschine x-Prozent weniger Energie verbrauchen als der Vorgänger. Das ist, worauf wir zurzeit unseren Wert legen und wir selbstbewusster sein können. Ein zweites großes Thema ist für uns, Energie zurück zu gewinnen.

Das war für uns auch ein Umdenken. Früher haben wir auf so etwas wie den Energieverbrauch einer Maschine auch nicht geachtet. Aber gerade, weil wir das Umweltzertifikat behalten möchte, schauen wir jetzt auf Kennziffern wie Energieverbrauch. Diese Möglichkeit nutzen wir: Wenn wir modernere Maschinen einsetze, dann wollen wir uns auch in Sachen Energieverbrauch und Nachhaltigkeit verbessern.

Zu guter Letzt geben Sie uns einen kleinen Ausblick in die Zukunft: Wo sehen Sie Leesys in den nächsten 5 Jahren?

Friedrich: Das ist eine gute Frage. Es gibt drei Dinge, die wir mit unserer Strategie erreichen wollen.

1. Wir wollen in Richtung E²-EMS gehen. Das heißt, wir wollen uns immer mehr als EMS am Markt etablieren, der nicht nur die reine Fertigung, sondern auch die Entwicklung anbietet.

2. Wir wollen auch weiterhin um den zweiten Platz als größter EMS in Deutschland und um den zehntgrößten in Europa mitkämpfen.

3. Und das wir in den nächsten fünf Jahren zusätzlich zur TeleAlarm ein Produkt haben, auf dem im Branding Leesys drauf steht.

top